Textproben

 

Die nachfolgende Szene erzählt, wie Charlotte Kassel trotz aller Skepsis Kontakt zu einem Fernheiler aufnimmt. 

„In der Pension ließ sie sich auf das Plüschsofa fallen, das schon Generationen von Eifeler Familien treu gedient hatte, atmete den leicht muffigen Geruch ein und sah sich um. Das Zimmer war fremd, unbewohnt, ein Ort ohne Seele. Langsam legte sie den Schlüssel auf das Tischchen mit den schrägen Beinen.
Ihr Blick fiel auf einen Zettel – vor Ewigkeiten hier abgelegt, wie ihr schien. Dr. Paul Junckers, Geistheiler, hatte sie gekritzelt, daneben eine Telefonnummer. Als Oberarzt der Inneren an einer Universitätsklinik hatte er sich den Zweifeln an seinem Tun gebeugt. Dies schrieb die Zeitschrift »Heaven«. Er wollte nicht länger ausschließlich schulmedizinisch arbeiten, sondern suchte zusätzlich nach geistigen Ansätzen. Heilung, die moderne Medizin und Geistheilung umschloss. Und er bot jetzt seine Dienste an, um praktische Erfahrungen zu sammeln: Fernheilung.
Unruhig sprang sie auf, lief hin und her. Unsicherheit wechselte mit Angst. Gefühle, dachte sie, und lächelte. Ich spüre endlich wieder Leben, auch wenn es unangenehm ist. Die Glasglocke ist weg. Der Schritt kann nicht falsch sein. Seitdem ich mich auf den Weg gemacht habe, seitdem ich unterwegs bin, lebe ich wieder und habe weniger Angst.
»Ich kann alles versuchen. Ich kann mich über jede Konvention hinwegsetzen. Du wirst dich noch wundern, Schwesterchen, was ich alles kann«, flüsterte Charlotte.
Und das Erste war, diese Telefonnummer anzurufen.
Sie griff zum iPhone und wählte. Laut erschienen ihr die Ruftöne. Sie wartete, wollte auflegen, doch dann meldete sich wie aus weiter Ferne ein tiefer Bass mit einem kargen »Hallo«. Charlotte zögerte. Wie muss ein Geistheiler angesprochen werden? Ein Doktor Geistheiler?
Der Herr am anderen Ende der Leitung räusperte sich. Charlotte holte Luft und erzählte ihr Problem. Stotternd und fahrig. Sie wisse nicht weiter, stehe vor einer Stammzelltransplantation, ohne die nach Ansicht der Ärzte längerfristig keine Überlebenschance bestehe, habe aber Furcht vor Schwäche und Komplikationen und wolle auch andere Möglichkeiten wahrnehmen, habe von ihm, dem Doktor, gelesen und frage, ob er helfen könne.
»Ich biete Fernheilungen an«, sagte er, als ob dies das Selbstverständlichste der Welt wäre. »Wenn ich Sie behandeln soll, müssten Sie mir bitte ein Foto von sich schicken. Jeden Abend um 20 Uhr werde ich dann mit Ihnen arbeiten. Das heißt, ich konzentriere mich mit Hilfe des Bildes auf Sie und ihr Problem und schicke Ihnen heilende Energie. Das könnte Ihnen helfen. Sicher ist es nicht. Es wäre sinnvoll, wenn Sie sich zu diesem Zeitpunkt auch auf die Behandlung konzentrieren könnten. Das ist alles.«
Er machte eine Pause.
»Was kostet das?« fragte Charlotte, und sie ärgerte sich, dass sie nichts Sinnvolleres zu sagen wusste.
»Sie zahlen, was Sie für richtig halten. Das hängt also auch davon ab, wie sehr Sie an mich und die Behandlung glauben. Wie sehr sie ihnen hilft.«
»Ist das wirklich alles?« fragte Charlotte.
»Sicher. Was soll mehr sein? Ich versuche, mit geistigen Energien zu heilen. Da ist es gleichgültig, ob ich Sie vor mir sehe oder ob Sie kilometerweit entfernt sind. Wichtig ist, dass ich versuche, in Kommunikation mit ihnen zu treten. Ich habe ein schönes Bild dafür, das ihnen vielleicht gefallen wird. Über die Geistheilung sind wir verbunden wie zwei Engel, die gemeinsam an einer langen Leine in den Himmel fliegen. Nehmen Sie den Flug ernst, sonst hat meine Arbeit keinen Zweck. Das wäre für Sie und für mich nichts als verlorene Zeit.«
Charlotte nickte. Gut. Warum nicht. Sie willigte ein, ließ sich die Adresse geben und suchte in ihrer Brieftasche nach einem Foto, das sie »echt« zeigte. Ist es echt, wenn ich lache, dachte sie, oder wenigstens schmunzle, oder bin ich echt ernst, gebeutelt, überheblich, angestrengt, mutig, verwegen, neugierig, gefühlvoll, abwesend? Sie fand tatsächlich einige Bilder, die sie mitgenommen hatte, um sie Ilona zu zeigen. Doch keines gefiel ihr. Warum hatte sie sich nie vernünftig fotografieren lassen? Immer war der Mund schräg verzogen, die schmalen Lippen erschienen noch dünner, fast wie ein Strich.
Endlich entschied sie sich für ein Foto, das sie hübsch zeigte. Gut ausgeleuchtet, wenige Falten, heiter und gelassen. Eine Frau in den besten 50ern.“


In einem Mailwechsel mit ihrer Zufallsbekanntschaft diskutiert Charlotte Kassel das Für und Wider von Wicca-Ritualen:

„3.02 Uhr
Betreff: Schlaflos

Lieber Sternengucker, eigentlich wollte ich Ihnen ja wunschgemäß ein Gedicht schicken, aber das geht nicht. Ehrlich. Ich schaff das nicht. Sofort sitze ich in der Schule, wir klopfen und klopfen, aber ein Rhythmus kommt nie dabei raus. Oder ich sehe wieder meinen Vater, der sagt:  »Selbst der freche kleine Spatz tschilpt nach Regeln.« Und dann habe ich schon gleich keine Lust mehr.
Wenn es sich reimt, wird es bei mir albern. Sie kennen das ja, wenn ein runder Geburtstag ansteht und die Freunde sich abmühen, irgendwas Witziges aufs Papier zu bringen. Das habe ich immer als sehr furchtbar empfunden.
Also, kein Gedicht, aber eine Mail zu einem Ausflug nach Nettersheim, wo ich mich bei Schwester Ilona ein wenig erholen wollte und nun einen nie geahnten Schlamassel am Hals habe. Warum ich Ihnen das maile, weiß ich nicht. Nur so viel: Es geht um Naturreligion und die Tatsache, dass meine Schwester ihr anhängt, mit allen Fasern ihres Herzens, was nun wieder ihrer Tochter Martina gar nicht passt. Die wird nämlich gehänselt, weil ihre Mutter angeblich eine Hexe ist, die nachts auf Hügeln tanzt. Und ich habe mir diesen ganzen Streit nun angehört, all meine Vermittlungs- und Versöhnungsversuche waren vergeblich. Ich gestehe, ich bin da auch nicht geeignet. Ich glaub nämlich auch nicht unbedingt an irgendwelchen überirdischen Quatsch. Ich hab in der Vergangenheit, als ich noch putzmunter und vor allem jung war, zwar einiges ausprobiert, aber ich bin da zu rational. Sie wissen schon. Und auf Hügeln zu tanzen, könnte ich mir gar nicht vorstellen.
Hoffentlich geht es wenigstens Ihnen gut. Ich grüße herzlich und noch immer dankbar, Charlotte.

3.50 Uhr
Schlaflos

 Hey Charlotte, na, Sie scheinen ja auch solch ein Nachtbrassler zu sein wie ich. Oder sind es wieder Dämonen, die Ihnen den Nacken kraulen?
Wer sagt Ihnen, was Quatsch ist und was nicht? Nur Sie selbst können das herausfinden.
Manchmal machen wir die blödesten Dinge und denken, sie wären das Wichtigste auf der Welt. Ich bin zum Beispiel jahrzehntelang zur Arbeit gerannt, oft gegen inneren Widerstand, den ich penetrant ignoriert habe, weil es ja so sinnvoll war, meiner gut dotierten Profession nachzugehen. Sicherlich spielten dabei auch die Sicherheit und das Geld eine Rolle.
Heute frage ich mich, ob die Leute, die im Augenblick wirklich Kohle machen, in Zukunft dafür sorgen werden, ob auch noch ein paar Kinderheime und Schulen gebaut werden. Ich jedenfalls glaube eher daran, dass auf jedem Baum ein Engel sitzt, als dass die freie Marktwirtschaft und unser Bankensystem Segen bringen. Im Übrigen trauere ich manchmal um die verlorene Zeit, die ich mit all der oft fremdbestimmten Arbeit verbracht habe, und denke, es geht darum, mal einen Hops zu machen und was ganz anderes zu sehen.
Also, vielleicht haben Sie auch Lust, solch einen Hops zu machen. Schauen Sie sich doch einfach alles an, auch den vermeintlichen Quatsch. Sie sagen, Sie haben da früher einschlägige Erfahrungen gemacht. Na wunderbar. Dann wissen Sie ja, dass Sie auf jeden Fall ein paar ganz andere Erlebnisse haben können.
Und da Sie schon in der Eifel sind: Das ist ein altes Kulturland für Geistheiler und Beschwörer aller Art. Früher gab’s eben nicht an jeder Ecke einen Arzt. Und die guten Heiler – habe ich mir sagen lassen – sind durchaus erfolgreich. Wäre das nichts für Sie? Vielleicht gewinnen Sie erst einmal Abstand zu Ihrer Schwester. Es gibt sicher nette Pensionen.
Hier wird’s schon milchig weiß in meiner Klause. Die Nacht ist kurz, und ich bade gerne im Licht. Haben Sie das einmal ausprobiert? Sie liegen und spüren dabei völlig kostenlos, wie der neue Tag Ihre Zellen aufhellt. Hey, Sie spüren es. Da bin ich sicher. Machen Sie es weiter gut, Ihr Paul“

Charlotte Kassel hat sich vorgenommen, neben ihrer medizinischen Therapie auch Alternativen auszuprobieren. Sie ist auf einen „Wunderheiler“ aufmerksam gemacht worden und besucht eines seiner Seminare: 

Der kleine Saal hinter dem ‚Wunderbaren Pfad’ war nur durch den Hinterhof erreichbar. Gleich am Eingang stand eine Schüssel mit Apfelsinen als vitaminreicher Willkommensgruß.
Das kann ja nur gesund machen, dachte Charlotte und sah sich um. Der Alte hatte sie sofort gesehen und schlurfte auf sie zu. Er trug wieder die verschlissene Jacke, hatte sich aber diesmal eine rote Rose ans Revers geheftet, die er Charlotte galant überreichte, bevor er einen Arm mit beiden Händen umfasste:
»Wie schön, dass Sie kommen konnten. Nun wird sich alles wenden.«
Der Raum war schon fast gefüllt. Nur noch einige Stühle frei. Charlotte ließ sich auf einen Platz führen.  Angespannt, unsicher schaute sie sich um und klammerte sich an ihren Stock.
»Waren Sie schon einmal hier?« fragte ein Mann neben ihr, der sich unumwunden als Detlef Sonntag vorstellte. Aufrecht hielt er sich, in jeder Geste nistete Disziplin, während er redete:
»Ich bin heute nur gekommen, weil ich Dr. Hammermann  noch einmal sehen will. Dank seiner Hilfe bin ich wieder völlig gesund. Ich musste mich nicht mal einer Tumorentfernung unterziehen. Es ist einfach phantastisch. Diese ‚Gesetze’. Ich bin so froh, dass es solche Leute gibt – allen Widrigkeiten zum Trotz.«
Charlotte war wütend, dass sie nicht einmal genau wusste, zu welcher Veranstaltung sie sich hatte einladen lassen. Sie fühlte sich eingekeilt zwischen Gleichgesinnten. Nicht gerade gute Fluchtmöglichkeiten, dachte sie und schielte argwöhnisch ins Publikum. Ältere Leute, aber auch ein paar jüngere, ein Ehepaar mit kleiner Tochter.
Ein Kind im Rollstuhl wurde von seinem Vater nach vorn geschoben:
»Ist das nicht furchtbar? Der Alte hält den Kleinen in Abhängigkeit. Anstatt ihn selbst agieren zu lassen, schiebt er ihn durchs Leben und fühlt sich dabei noch als Wohltäter«, zischte Detlef Sonntag neben ihr.
Charlotte sah ihn fassungslos an und rutschte tiefer in ihren Stuhl. Viele Patienten trugen ihre Röntgenbilder unter dem Arm, die sie – kaum dass sie saßen – unter ihren Sitzen verstauten. Die Stimmung war gedämpft, erwartungsvoll, einige tuschelten, die meisten redeten Belangloses, Nervosität im Blick.
Dann kam Dr. Gerd Hammermann, ein großer, schwerer Kerl mit Stiernacken und lauter Stimme. Er redete über seine Medizin, die, so betonte er mit Inbrunst, jede der »so genannten« Krankheiten kenne und heilen könne, streng nach den von ihm entdeckten Regeln.
»Eine Krankheit basiert immer auf einem Schock«, rief er in den Raum und schaute sich lächelnd um.
Ein Schock?
Plötzlich dachte Charlotte an Karl, ihre Liebe, ihre Dachwohnung. Eng war es, aber Ananas mitten in der Nacht, ein schmales Bett und die Hoffnung auf eine große Zeit. Wie hatte sie sein Muttermal geliebt, direkt oberhalb des Schambeins. Mein Kraftquell hatte sie es genannt und zärtlich daran geleckt. Die Reaktion war wild und heftig. Er trug sie triumphierend durchs Zimmer, und sie schnüffelte an seiner Haut:
»Untersteh dich zu duschen. Ich will dich und kein Deo.«
Doch irgendwann hatte er beim Frühstück nicht mehr »mein Augenstern« geflirtet, sondern angestrengt das Toastbrot gestrichen und grußlos die Tür zugeschlagen. Irgendwann hatte er mürrisch neben ihr gelegen, ein Buch in der Hand, das er nicht las. Sie war nackt und hatte die Wand angestarrt, eine selbst bemalte, mit Efeuranken umwirbelte Fläche in dilettantisch gemischtem Grün. Wie ein Bild von Hopper hatten sie ausgesehen. Farbig, schrill, steril und herzzerreißend einsam.
Die Marschmeier war schuld. Allein die Marschmeier. Wie oft hatte sie diesen Unsinn gedacht, immer wenn sie sich das Foto vorstellte, diese Frau, blond, zickig, ärgerlich unbeschwert, mit grellroten Lippen und diesen Creolen, blitzend in der Sonne. Wie hatte sie die Marschmeier gehasst. Selbst als sie eines Morgens über der Toilettenschüssel hing, kotzend, war die Marschmeier schuld, und sie sah sich Klopapier zerreißen und im Raum zerstreuen wie eine wirre Alte.
Geflohen war er. Ohne Aussprache. Alle Versuche, ihn zurückzuholen. Vergeblich. Sie sah sich in ihrer Wohnung zusammen mit der ratlosen Freundin Monika, die ihr Tee aufbrühte, sie mit Pralinen fütterte, Karl anrief und seine Stimme nachäffte:
»Nein, ich komme nicht. Bin in Hamburg, und ich bleibe hier.«
Warum jetzt Karl? Ihre Liebe aus Studententagen? Ein Künstler mit Freiheitsdrang. »Wir Großstadtpiraten« hatten sie gelacht und Überraschung gespielt: 1000 Schritte gehen, genau abgezählt, und dann schauen, an welchen Ort es sie spülte. An Wohnhäusern Türschilder lesen und rätseln: Wer könnte hier leben? Ein Schriftsteller? Eine alleinerziehende Mutter? Ein potentieller Selbstmörder? Ein Nazi-Verbrecher? Ein Bombenleger? Ein türkischer Teppichhändler? Alle zusammen? Standen sie nach 1000 Schritten vor einer Kneipe, galt die Abmachung: Kölsch trinken. Landeten sie vor einem Theater oder Kino, versuchten sie, einen Hauch der Vorstellung zu spüren, sich einzuschleichen ins laufende Programm – zwei Zaungäste, wild auf illegale Abfälle der Großstadtkultur. Wild auf Leben.
Da gab es Höhepunkte: Mitten in der Nacht mit dem Opernensemble reden, am Besäufnis der Premierenfeier teilnehmen, über das Glück lallen bei Kölsch und Halvem Hahn.
Und dann Gerda. Die fette Hure, die »Im Stavenhof«, einer Gasse vollgestopft mit türkischen Arbeitern, über einem Kissen auf dem Fenstersims gehangen hatte, um nach Freiern Ausschau zu halten. Kichernd hatte sie in ihr Zimmer gewinkt, eine glutrote Decke über dem Sofa, an der Wand eine Parade Federboas.
»Aufpassen. Immer aufpassen«, höhnte sie nach jedem dritten Satz lachte dabei so schallend, dass der schwabbelige Körper vibrierte. Ihre Zahnlücken glichen irritierend-dunklen Höhlen, als sie wieder ihren Schlachtruf sang, diesmal laut hallend zum Fenster hinaus – als Warnsignal für alle anderen Mädchen ringsum:
»Aufpassen. Gleich kütt de Schmier.«
Charlotte schüttelte den Kopf, als könne sie so die Gedanken vertreiben. Wie frei sie damals waren. Wie unbekümmert. Von Ferne hörte sie wieder die Stimme des stiernackigen Mannes. Auf seinem hochroten Gesicht glitzerten jetzt kleine Schweißperlen.
»Ich sehe, viele von Ihnen haben ihre Computertomografien mitgebracht. Das ist gut. Ich werde sie gleich in Einzelsitzungen begutachten, denn darauf können wir erkennen, ob die Bilder ein Syndrom zeigen, das auf einen solchen Schock hinweist.«
Das Publikum lauschte konzentriert. Eine Ärztin war zum Fachsimpeln aufgelegt und plauderte, ihre Analysen hätten ergeben, dass rasch eine Besserung eintrete, wenn ihre Patienten ihren Rat befolgten: Sie mussten sich mit ihren Widersachern versöhnen und Frieden im Herzen wahren.
Charlotte registrierte penibel, dass die Frau  »Widersacher« gesagt hatte. Ein merkwürdiges Wort, dachte sie, um sich dann gleich zu schelten: Charlotte, sei nicht so oberflächlich. Das hat doch wirklich keine Bedeutung.
Hammermann redete schon wieder. Er verkündete, eine  »jüdische Verschwörung« habe zur Folge, dass seine einzig wahre Lehre nicht anerkannt werde. Die Juden, so sagte er, würden seine Medizin anwenden und fast alle überleben, während alle Nichtjuden gezwungen seien, weiter an Chemo und Morphin zu sterben.
Charlotte holte tief Luft. Sie hatte Fluchtgedanken, fühlte sich eingekeilt zwischen den Zuhörern und traute ihren Augen nicht: Der Mann neben ihr reichte ein Exemplar »Der ewige Jude« an seinen Nachbarn weiter – mit einem freundschaftlichen Zwinkern. Vor ihr plärrte das Kind, die Mutter tröstete es zärtlich.
Charlotte wollte gehen, doch sie fühlte sich wie gelähmt. Sie sah, dass Hammermann an einer Film-Kamera nestelte, die er auf eine junge Frau gerichtet hatte. Sie solle ganz unbekümmert erzählen, wie es ihr nun gehe, sagte er gewinnend, grinste breit und tätschelte ihre Wange. Schließlich sei sie nun endlich auf dem Wege der Besserung.
Die Frau begann zu reden – stotternd zunächst, dann immer energischer berichtete sie, wie sie in der Klinik geschwächt worden sei von all den Giften, die in ihren Körper geschossen worden waren, und wie gut es ihr jetzt gehe, nachdem sie sich der Hammermannschen Lehre anvertraut habe.
Überall wissbegierige Gesichter. Und – unglaublich für den analytisch denkenden Teil ihres Hirns: Charlotte  verspürte den Wunsch, Hammermann einen Hirnscan vorzulegen, damit er auch bei ihr ein Syndrom erkennen und die Heilung einläuten könne.
Vorn im Saal tobte seine laute Stimme. Charlotte wollte mehr über ihn wissen. Vorsichtig zog sie ihr Handy aus der Handtasche und googelte seinen Namen: Wikipedia berichtete, dass Hammermann schon seit Jahrzehnten keine deutsche Approbation mehr besaß, dass er wegen fortgesetzten illegalen Praktizierens und Betrugs mehrfach in Deutschland und Frankreich verhaftet worden war.
Ihm und seiner Methode wurden zahlreiche Todesfälle zur Last gelegt, weil sich Patienten in gutem Glauben an seine Arbeit nicht mehr konventionell behandeln ließen. Berühmt war der „Fall Edith“. Die Eltern des Mädchens waren auf Anraten des „Heilers“ mit der damals Sechsjährigen vor einer schulmedizinischen Behandlung nach Spanien geflüchtet.
Gebannt starrte Charlotte auf den kleinen Bildschirm. Doch plötzlich stürzte Hammermann auf sie zu, nahm sie vorsichtig am Arm und zog sie vor das Plenum. »Wie schön, ein neues Gesicht«, sagte er. »Bitte erzählen Sie uns, wie es Ihnen ergangen ist. Wir lernen gegenseitig von unseren Erfahrungen.«
»Nein, nein, ich möchte nicht«, sagte Charlotte. »Ich wollte mich nur einmal informieren über Ihre Methode. Das alles hier ist für mich unfassbar neu. Ich habe nie zuvor davon gehört.«
»Aber, aber«, sagte Hammermann laut lachend. »Wir beißen doch nicht. Sie werden erleben, wie erleichtert Sie sind, wenn Sie sich alles einmal von der Seele geredet haben. Allen Ärger. Alle Wut.«
Er drückte Charlotte auf einen Stuhl und schob das Mikrofon vor ihr Gesicht. »Erzählen Sie ruhig. Wir sind hier unter Freunden. Seit wann sind Sie krank?«
Stotternd redete sie über die Klinik, immer wieder schaute sie zu dem Hünen herüber, der ihr aufmunternd zulächelte.
»Werden Sie von den Ärzten auch so verarscht?« fragte plötzlich ein junger Mann aus dem Publikum. Seine Augen glühten vor Zorn, und er fuchtelte heftig mit den Händen.
Charlotte zuckte zusammen. Zögernd stand sie auf. Ihr war so übel, dass sie sich kaum bewegen konnte. Das Herz klopfte heftig, und sie hatte nur einen Wunsch: Hinaus. Sie ging zur Tür, Hammermann folgte ihr ohne Zögern. Im Flur sprach er heftig auf sie ein:
»Entschuldigen Sie, wir haben Sie überrumpelt. Aber wir kennen die Wahrheit. Das möchten wir vermitteln. Kommen Sie bitte Morgen wieder. Dann haben wir Zeit, uns in Ruhe zu unterhalten.«
Er schaute sie an und nahm ihre Hand. Wütend über die unerwünschte Annäherung, drehte sie sich abrupt um und eilte zum Ausgang. Hammermann war noch vor ihr an der Pforte und sah sie eindringlich an.
»Bitte überlegen Sie es sich. Kommen Sie wieder. Sie wollen doch gesund werden. Und es ist so einfach…«

 

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